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Volkshochschulen

Bildung für alle!

Dorthin gehen, wo die Menschen sind. An den Volkshochschulen (VHS) wächst das Bewusstsein, dass sie neue Wege einschlagen müssen. Das ist auch wichtig für die Teilhabe der Menschen und die Demokratie in der Gesellschaft.

(Foto: IMAGO/Heike Lyding)

Im Einkaufszentrum über die Fallstricke von Handyverträgen aufklären. In einer Flüchtlingsunterkunft mit Müttern über Bildung und Gesundheit sprechen. Oder mit Obdachlosen über Philosophie und Politik diskutieren. Die Beispiele zeigen: Volkshochschulen bemühen sich, neue Wege zu gehen. „Wir als VHS müssen weg von der klassischen ‚Komm-Struktur‘“, sagt Michael Lesky, beim Volkshochschulverband Baden-Württemberg verantwortlich für Politik und Gesellschaft. „Bildung für alle: Den Anspruch tragen die Volkshochschulen als Banner vor sich her.“ Diesen öffentlichen Bildungsauftrag gelte es umzusetzen.

„Das hört sich banal an“, meint Lesky, „ist es aber überhaupt nicht.“ Schließlich geht es dabei auch um Teilhabe – und damit letztlich um Demokratie. Wer besucht abends einen Vortrag über die Weimarer Republik oder die Stadtentwicklung der Zukunft? Wer nimmt am Yoga- oder Töpferkurs teil? „Unsere Angebote erreichen hauptsächlich ältere Menschen, die ohnehin schon sehr an Bildung interessiert sind“, gibt der Bereichsleiter zu bedenken. Bestimmte Bevölkerungsgruppen bleiben außen vor. Wer sich zu einem VHS-Kurs anmelden möchte, schlägt in der Regel das Programmheft auf oder klickt sich auf der Webseite durch das Angebot. Damit fängt das Problem schon an. Was ist mit jenen, die nicht lesen können, kein Deutsch verstehen – oder schlichtweg andere Probleme haben?

Menschen mit wenig Zugang zu Bildung erreichen

„Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen sind“, betont Claus Lüdenbach, Leiter der VHS in Esslingen. Deshalb rücken VHSen aufsuchende Bildungsarbeit in den Fokus. Ganz wichtig, fügt Lüdenbach hinzu: „Alleine können die Volkshochschulen das nicht leisten.“ Die Angebote funktionierten nur mit Kooperationen, unter anderem mit Jobcentern, Tafeln, Obdachloseneinrichtungen, Wohlfahrtsverbänden, Bildungsträgern oder Stadtteiltreffs.

Mit dem Projekt „Straßenuni“ versucht die VHS Esslingen, auf Menschen zuzugehen, die sonst wenig Zugang zu Bildung haben. Diese werden in ihrem Lebensumfeld angesprochen und eingeladen, über aktuelle Themen zu diskutieren. Zum Beispiel mit dem Arzt Gerhard Trabert über den Zusammenhang von Armut und Gesundheit. Oder mit dem evangelischen Theologen Wolfgang Huber über ethische Fragen. „Wenn nur drei Leute kommen, ist das auch okay“, sagt Lüdenbach. Als nächstes Projekt plant er einen Fotoworkshop für Obdachlose, die die Stadt aus ihrer Perspektive zeigen sollen. Die Fotos werden dann in Esslingen ausgestellt.

„Viele Menschen erreichen wir ohne aufsuchende Bildungsarbeit überhaupt nicht.“ (Claus Lüdenbach)

Für VHS-Programmbereichsleiter Lesky ist aufsuchende Bildungsarbeit eng verbunden mit politischer Bildungsarbeit. „Es geht darum, zur Teilhabe zu befähigen“, stellt er klar. Die Angebote seien ein erster Schritt, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen in der Gesellschaft mitreden können. Ein Beispiel dafür sind Alphabetisierungskurse oder die Möglichkeit, den Schulabschluss nachzuholen. „Viele Menschen erreichen wir ohne aufsuchende Bildungsarbeit überhaupt nicht.“ Wichtig seien dafür „Vertrauenspersonen“, beispielweise Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Pilotprojekte zur aufsuchenden Bildungsarbeit

Allerdings sei es mit einem Ortswechsel allein nicht getan, betont Lesky. Für die Arbeit seien andere Kompetenzen erforderlich, mehr sozialpädagogische Fähigkeiten etwa. Wichtig sei auch, die Kursinhalte an die Lebenswelt der Menschen anzupassen. Die Angebote müssten sich an den Bedürfnissen im Alltag orientieren. Beispiel: Bei einem Projekt des Volkshochschulverbands hat das Haus der Familie in Stuttgart im Einkaufszentrum regelmäßig Beratungen zum Handyvertrag angeboten. „Viele Menschen haben mit den Verträgen ein konkretes Problem“, sagt Lesky. Das niedrigschwellige Angebot befähige sie, bewusste Entscheidungen zu treffen.

Der VHS-Landesverband in Baden-Württemberg erprobte kürzlich an sechs Standorten Pilotprojekte zur aufsuchenden Bildungsarbeit. So fuhr beispielsweise eine Sprachlehrerin regelmäßig in die Flüchtlingsunterkunft in Crailsheim. Das Angebot richtete sich an Mütter, ihre Kinder wurden nebenan betreut. Die Sprachlehrerin brachte ihnen nicht nur Deutsch bei, sondern sprach auch darüber, wie sie ihre Kinder in der Schule unterstützen können, wie sie Bus fahren und zum Frauenarzt gelangen. Das Problem: Bislang fehlt für solche Angebote eine dauerhafte Finanzierung. „Die Förderstrukturen gehen von einer anderen Kursstruktur aus“, sagt Lesky. Die Landesförderung verlange eine Mindestteilnehmerzahl und richte sich nach Unterrichtseinheiten. „Das funktioniert so aber nicht.“ Aufsuchende Bildungsarbeit sei mühsam. Oft dauere es lange, Vertrauen zu gewinnen. „Wenn wir drei, vier Leute erreichen und diesen Menschen eine Chance zu mehr Teilhabe ermöglichen, ist das schon ein Erfolg.“

„Wenn wir sie aufgeben, geben wir bestimmte Gruppen und Räume auf.“ (Arne Cremer)

Auch Arne Cremer, zuständig für Politische Bildung beim VHS-Landesverband Nordrhein-Westfalen, betont, dass ein Umdenken notwendig sei. Auf allen Ebenen brauche es viel mehr Offenheit. Diese Aufgabe stelle die Einrichtungen noch vor Herausforderungen, sei aber alternativlos: „Die Volkshochschulen müssen sich auf den Weg machen.“ Bislang würden bestimmte Menschen von politischen Prozessen ausgeschlossen. Der VHS-Referent ist überzeugt, dass diese Menschen nicht unpolitischer sind als andere. „Sie wurden ein Stück weit von den Institutionen verlassen“, meint Cremer. „Wenn wir sie aufgeben, geben wir bestimmte Gruppen und Räume auf.“ Damit sei der Weg frei für Kräfte, die der Demokratie schadeten. „Wichtig ist, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.“ Dabei gelte es, Angebote nicht am Schreibtisch für die Menschen zu planen, sondern mit ihnen zu sprechen – auf Marktplätzen und Festen, in Stadtteilen und Dörfern. „Und zu gucken: Welche Themen bewegen die Leute im Quartier?“

Seiner Meinung nach bietet sich an, dass VHSen ihre Angebote zum Lesen- und Schreibenlernen, für Bildung und Beratung als Schnittstellen nutzen. „In dem Bereich sind sie gut aufgestellt und können Brücken bauen.“ Es gelte, die Menschen zu politischer Partizipation zu befähigen. Was erfolgreiche politische Bildungsarbeit ausmache, sei schwierig zu messen. In erster Linie brauche es dafür Zeit. „Irgendwann zeigen sich Ergebnisse“, sagt Cremer. „Aber nicht auf Knopfdruck, wenn man zwei Monate auf dem Marktplatz steht.“