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17.12.2010

„Der Schlüssel zum Erfolg“

Der frühere finnische Bildungsberater Rainer Domisch rät, die Kommunen zu stärken

E&W: Herr Domisch, in Finnland gibt es eine lange Tradition kommunaler Schulen. Städte und Gemeinden sind Träger der Schulen. Wie wichtig ist dieser Faktor für den Erfolg des finnischen Bildungswesens?

Rainer Domisch: Das ist natürlich der Schlüssel zum Erfolg. Im ganzen Land gibt es vielleicht ein Prozent Privatschulen, die anderen 99 Prozent sind kommunale Schulen. Der entscheidende Punkt ist die Übertragung von Verantwortung an diejenigen, die Schule vor Ort machen, an die Schulleiter, die Lehrkräfte, die örtliche Schulbehörde. Das geht nicht mit einer Kultur, die von oben nach unten lenkt. Das Ministerium bzw. das Zentralamt für Unterrichtswesen in Finnland hat keine Weisungsbefugnis, sondern schafft nur den nationalen Rahmen.

E&W: Wer sichert dann die Qualität?

Domisch: Die Qualität wird letztlich durch die Beteiligung der Schulen an den alle zehn Jahren wiederkehrenden neuen Rahmenplänen und deren Evaluierung im ganzen Land gewährleistet. Die Evaluierung sieht allerdings nicht so aus, dass Leute von außen an die Schule kommen und sie inspizieren. Die nationale Evualierung betrifft jährlich immer nur einen repräsentativen Teil aller Schulen.

E&W: In Deutschland tritt, wenn es um kommunale Schulen geht, sehr schnell ein Problem auf: das Stadt-Land-Gefälle. Wie verhindert Finnland, dass sich die großen Städte immer die besten Lehrkräfte sichern und kleinere Gemeinden das Nachsehen haben?

Domisch: Nun, es ist so, dass Lehrerinnen und Lehrer sich um die Stellen bewerben. Helsinki zum Beispiel ist sehr teuer. Deswegen ziehen viele Pädagogen lieber aufs Land oder in die kleinen Städte. Sie wägen schon ab, wo sie und ihre Familien sich wohlfühlen - und wo sie sich finanziell gut einrichten können.

E&W: Sie kennen die deutsche Föderalismus-Debatte gut. Was würden Sie den Deutschen raten, wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommen, dass der Bund praktisch keine Zuständigkeiten mehr im Bildungsbereich hat, sondern fast nur noch die Länder?

Domisch: (lacht) Als ersten Schritt müsste man einen demokratischeren Weg gehen: den Schulen mehr Vertrauen entgegenbringen, aber auch Verantwortung abverlangen. In Finnland gibt es zwischen Ministerium und den Kommunen z.B. keinerlei Zwischenstufen.

E&W: Wie unterscheidet sich die Art, wie in Finnland Lehrkräfte ausgesucht und ausgebildet werden, von der in Deutschland?

Domisch: Zunächst: Es gibt in Finnland einen großen Andrang auf den Lehrerberuf. Nur zehn Prozent der Lehramtsbewerber bekommen allerdings einen Studienplatz. Damit ist bereits eine hohe Qualität gewährleistet. Die angehenden Studierenden werden von den Universitäten ausgesucht. Sie müssen dort Eignungsprüfungen bestehen und erklären, warum sie diesen Beruf ausüben wollen. Zum Beispiel müssen sie im Gespräch, sei es mit Schülern, Eltern oder Lehrkräften, ihre pädagogischen Auffassungen vertreten können.
In Deutschland denkt man immer, wenn es um Schule geht, zuerst an Leistung. Viel zu wenig legt man in der Lehrerausbildung darauf Wert, welche Gründe, welche Voraussetzungen es braucht, damit Kinder leistungswillig sind und Freude am Lernen haben. Da gibt es hierzulande sehr viele systembedingte Fehler.

Interview: Georg Escher, Redakteur der „Nürnberger Nachrichten“

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