Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 

Programme zur Frauenförderung an Hochschulen: Speedway oder Sackgasse?

Dr. Uta Schlegel, Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

29. Seminar der Frauen in Hochschule und Forschung am 12. November 2005 in Erkner


Dieser Beitrag fußt auf einem Projekt, das am Institut für Hochschulforschung Wittenberg an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zwei Landesprogramme zur Frauenförderung an Hochschulen in Sachsen-Anhalt wissenschaftlich begleitete:
„Forschungsstipendien zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses an Universitäten im Land Sachsen-Anhalt“ und
-„Förderung der Berufungsfähigkeit von Frauen an Fachhochschulen im Land Sachsen-Anhalt“ (der abschließende Forschungsbericht zum Projekt liegt als Publikation vor: Schlegel, Uta/Burkhardt, Anke: Frauenkarrieren und -barrieren in der Wissenschaft: Förderprogramme an Hochschulen in Sachsen-Anhalt im gesellschaftlichen und gleichstellungspolitischen Kontext, HoF-Arbeitsberichte 6/’05, hg. vom HoF Wittenberg – Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wittenberg 2005, Bezug: E-Mail-Adresse).

Zur inhaltlichen Entlastung des Beitrags liegt als Handreichung eine Übersicht vor zu Strategien, Instrumenten und Strukturen zur Geschlechtergleichstellung, um Frauensonder-/Frauenförderprogramme – deren Potenzen und Grenzen – darin zu verorten, so dass hier auf die Ergebnisse der Untersuchung fokussiert wird.

Was wollen die beiden Frauenförderprogramme erreichen? Das Programm „Förderung der Berufungsfähigkeit von Frauen an Fachhochschulen im Land Sachsen-Anhalt“ zielt darauf, mittelfristig den Anteil der Fachhochschulprofessorinnen zu erhöhen. Um dies zu ermöglichen, wird interessierten Frauen altersunabhängig die Chance geboten, die noch ausstehenden Berufungsvoraussetzungen für eine Fachhochschulprofessur (bekanntlich können Fachhochschulen – im Unterschied zu den Universitäten – ihr künftiges Potenzial für akademische Aufstiegskarrieren nicht aus sich selbst generieren, da das Anforderungsprofil für eine Professur an der Fachhochschule – über ein einschlägiges Hochschulstudium und der wissenschaftlichen oder künstlerischen Qualifikation (nachgewiesen durch die Promotion) hinaus – zusätzlich aus einer fünfjährigen Praxiserfahrung, wobei davon mindestens drei Jahre Berufserfahrung außerhalb der Hochschule erforderlich sind. Dabei kann es sich auch um eine Teilzeitbeschäftigung handeln.) – sei es hinsichtlich der Berufspraxis, der Promotion oder der Lehrerfahrung – auszugleichen. Das zweite Programm ist im universitären Bereich angesiedelt. Durch die Vergabe von ebenfalls Forschungsstipendien sollen promovierte Wissenschaftlerinnen ermutigt werden, ihre wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen (was – ohne dass dies explizit ausgeführt wird – ebenfalls auf die Berufungsfähigkeit abzielt). Selbstständig oder unter Anleitung qualifizierter Wissenschaftlerinnen soll – eingebunden in den Forschungs- und Lehrbetrieb der Universität – ein klar umrissenes Forschungsvorhaben bearbeitet werden. In der Regel soll die Promotion nicht länger als fünf Jahren zurückliegen.
Beide Programme sind im Kern darauf gerichtet, den Anteil von Frauen an Professuren zu erhöhen. Regulär erhielten die geförderten Wissenschaftlerinnen ein Stipendium für die Dauer von zwei Jahren.

Nur ganz kurz zur Population und zur Methode der Untersuchung: Die Hauptmethode der wissenschaftlichen Begleitung der beiden Frauenförderprogramm waren leitfadengestützte Interviews mit den Stipendiatinnen, durchgeführt am Beginn und am Ende der Förderlaufzeit; alle Interviews habe ich selbst durchgeführt.
Bei den untersuchten 21 Stipendiatinnen handelt es sich um alle die, die 2001/2002 bewilligt wurden (nur eine hatte im Rahmen der vorab eingeholten freiwilligen Zustimmung eine Beteiligung an der Untersuchung abgelehnt). Sie waren zum Zeitpunkt des ersten Interviews, also Die meisten von ihnen waren verheiratet (über die Hälfte) oder lebten in einer Lebensgemeinschaft (ein Viertel). Immerhin 7 hatten keine Kinder, 6 weitere hatten ein Kind, 5 zwei Kinder, 2 drei Kinder, und eine Stipendiatin hatte vier Kinder.

Nach ihrer fachdisziplinären Verortung verteilten sie sich wie folgt:

  • 2 x Chemie, 2 x Mathematik, Informatik/Mathematik, 2 x Ingenieurwesen (damit immerhin ? in männlich dominierten Fachrichtungen)
  • Tiermedizin, 2 x Botanik; BWL, Volkswirtschaft, Biologie
  • Kunstwissenschaft, 2 x Übersetzung/Dolmetschen, Sprachen/Kultur, Kommunikationswirtschaft, Kultur, Pädagogik, Germanistik/Philosophie

Ihre (gemäß Förderbedingungen verbindliche) institutionelle Anbindung an eine Hochschule verteilt sich naturgemäß beim Programm „Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses“ auf die beiden Universitäten des Landes Sachsen-Anhalt (5 Stipendiatinnen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2 Stipendiatinnen an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), die größere Gruppe der Stipendiatinnen im Förderprogramm „Erhöhung der Berufungsfähigkeit verteilt sich wie folgendermaßen auf vier Fachhochschulen:

  • Hochschule Anhalt (FH)/Hochschule für angewandte Wissenschaften (Bernburg, Dessau, Köthen): 6
  • Fachhochschule Merseburg: 5
  • Hochschule Harz (FH)/Hochschule für angewandte Wissenschaften (Wernigerode, Halberstadt): 2
  • Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) (Magdeburg, Stendal): 2

(Also nur an der Hochschule für Kunst und Design (Halle)/Burg Giebichenstein gab es keine Stipendiatin.)

Inhaltlich erfassten die Interviews folgende 5 Themenbereiche:

  • den bisherigen bildungs- und berufsbiografischer Weg der Stipendiatin,
  • die familiären Zusammenhänge (Herkunfts- und eigene Familie),
  • der Weg zum Stipendium,
  • inhaltliche Vorstellungen/eigene Wünsche an die Förderung,
  • präferierte Pläne für danach.

Um im Bild „Sackgasse oder Speedway“ zu bleiben, ist hinsichtlich der erreichten Effekte der Programme aufgrund unserer Untersuchungsergebnisse differenzierend zu fragen: Sackgasse oder Speedway wofür? Dabei sind Wirkungen auszumachen, unterschiedlich vor allem nach folgenden Feldern:

  • für die Initiatoren/Finanzierer bezüglich ihrer intendierten Ziele und
  • für die Stipendiatinnen selbst bezüglich ihrer individuellen Berufsbiografie,
  • last but not least für die Stellung der Wissenschaftlerinnen im Hochschulwesen insgesamt.

Nun kreuzen sich diese Effekte in vielfacher Weise, sind jedoch – wie wir noch sehen werden – im Kern unterscheidbar.
Angesichts der in unserem Kontext bekannten Notwendigkeit und Befürwortung spezifischer Frauenförderungsmaßnahmen an Hochschulen fokussieren wir – mit Blick nach vorn – im folgenden auf einige neuralgische und optimierbare Aspekte (ausgewählte 9), wie sie sich aus unserer wissenschaftlichen Begleitung ergeben haben.

1. Erfolgreich sind die Initiatoren/Finanzierer der begleiteten Programme schon gewesen bei der Auswahl der Stipendiatinnen – vor allem durch die Kompetenz und den persönlichen Einsatz der Mitglieder der Vergabekommission/des Vergabeausschusses. Teilweise bestanden zwischen ihnen und den Stipendiatinnen sehr lange und vertrauensvolle Ausbildungs- und Arbeitsbeziehungen.
In Ausnahmefällen einer aus unserer Sicht nicht optimalen Auswahl (unter dem Aspekt einer positiven Zielprognose) lag dies darin begründet, dass sie fast ausschließlich fußte auf den berufsbiografischen Voraussetzungen, dagegen – neben familiären Determinanten – bestimmte relevante Persönlichkeitsmerkmale außen vor ließ (insbesondere ihre Zielsicherheit in der beruflichen Perspektive, intrinsische Wissenschafts-/Forschungsmotivation, „missionarischer“ Spaß an der Lehre/mit StudentInnen zu arbeiten). Dies ließe sich etwa durch Forderungen an die der Bewerbungsunterlagen (mit entsprechend höherer Aussagekraft) oder durch Anhörungen optimieren.

2. Wie bereits erwähnt, sehen die Förderbedingungen beider Programme eine verbindliche institutionelle Anbindung an eine Universität bzw. Fachhochschule in Sachsen-Anhalt vor. Dahinter steht nicht zuletzt die Intention der Förderung der eigenen akademischen Landestöchter – bis hin zur Erhöhung des Frauenanteils an akademischen Spitzenpositionen im eigenen Land. Demgegenüber stellte sich im Ergebnis – d.h. bei der wissenschaftlichen Begleitung zunächst überraschend – ein hoher Anteil (die Hälfte) von Bewerberinnen/Stipendiatinnen aus den alten Bundesländern (im Sinne ihrer Schulbildung/ihres Studiums) heraus. Nach den Interviews – insbesondere den Fragen, wie die Wissenschaftlerinnen auf die Förderprogramme gestoßen und warum sie sich dafür beworben haben – geht dies auf drei Faktoren zurück:

  • auf eine immer noch kulturell bedingte höhere Akzeptanz spezieller Frauenförderung durch Akademikerinnen in den alten Bundesländern (Akademikerinnen in den neuen Bundesländern haben denen gegenüber eher Vorbehalte [vgl. dazu Schlegel 2001, Schlegel 2005, Schlegel/Friedrich 2004]),
  • auf einen Nachzug von Wissenschaftlerinnen (Mitarbeiterinnen oder Ehefrauen) zu Professoren bzw. die Information durch sie nach dem ersten Elitenwechsel an Hochschulen aus den alten in die neuen Bundesländer und
  • last but not least und bemerkenswerterweise auf den Umstand, dass nicht wenige Wissenschaftlerinnen das betrifft insbesondere solche mit sogenannter Doppelorientierung positiv abstellten zum einen auf die im gesellschaftlichen Umfeld der neuen Bundesländer verbreitetere Akzeptanz/Wertschätzung der (karriereorientierten) Akademikerin in Vollerwerbsarbeit, die gleichzeitig Mutter ist, und zum anderen auf die bessere Infrastruktur an Kinderbetreuungseinrichtungen und dies nach ihren inzwischen gemachten Erfahrungen im Ergebnis zu Recht.

Wenigstens als Anmerkung sollen hier zwei Fragen gestattet sein:

  • zum einen, ob letzteres als Standortvorteil nicht nur für Frauen in der Wissenschaft, sondern bereits für Studentinnen gelten kann und
  • zum anderen, ob dieser Sachverhalt insgesamt bei Frauenförderprogrammen der Länder bewusst intendiert ist oder ein unerwünschter Nebeneffekt oder aber in der weiteren Zeitperspektive ohnehin von deutlich abnehmender Bedeutung.

3. Das „Abspringen“ sehr aussichtreicher bewilligter Stipendiatinnen und damit „Nachrekrutierungen“ könnte dadurch weitgehend verhindert werden, indem – namentlich beim Förderprogramm „Erhöhung der Berufungsfähigkeit“ – statt Stipendien befristete Stellen vergeben werden, da solches Abspringen zuvörderst dann geschieht, wenn eine befristete oder gar unbefristete Stelle in Aussicht ist, die gegenüber einem Stipendium bekanntlich soziale Sicherung, Bewertung im öffentlichen Dienst, Altersvorsorge u. a. einschließt.
Bei dem an Universitäten gebundenen Programm „Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs“ ist eine Wahlmöglichkeit zwischen Stipendium und befristeter Stelle anzuraten, zumal von den Stipendiatinnen teilweise auch der Stipendiatinnen-Status gegenüber einer „Stelle“ angesichts seiner Gestaltungsfreiräume und wissenschaftsintrinsischer Selbstbestimmung sehr positiv reflektiert wird, denen gegenüber die genannten Nachteile in Kauf genommen werden können.

4. Die Überzahl der Stipendiatinnen erreichte die selbstgesteckten Ziele innerhalb der Förderprogramme – teilweise nach einer Verlängerung, die die Programme nach Einzelfallprüfung auch vorsehen. Als zielführend – namentlich beim Programm „Erhöhung der Berufungsfähigkeit“ und auch aus der Sicht der Stipendiatinnen – hat sich deren Variabilität herausgestellt (Schwerpunkt Promotion oder Lehrerfahrung oder Praxis), die deshalb künftig beibehalten werden sollte. Darüber hinaus scheint es sinnvoll zu sein, innerhalb der Fördermaßnahme zusätzliche Qualifikationen zu vermitteln (als ein Begleitprogramm und/oder über Orientierungsveranstaltungen), die für die angestrebte akademische Karriere unabdingbar sind und so auch von den Stipendiatinnen selbst als defizitär wahrgenommen werden: MitarbeiterInnen-/ProfessorInnen-Aufgaben, Hochschuldidaktik, Budgetverwaltung, Drittmittelaquise, Haushalts- und Arbeitsrecht/Personalpolitik, Hochschulrecht, Präsentation/Technik, Informationen/Training zu frauen- bzw. akademikerinnentypischen Karriereproblemen und ihrer Bewältigung.

5. Als teilweise problematisch – namentlich beim Programm „Erhöhung der Berufungsfähigkeit“ – erwies sich für nicht wenige Stipendiatinnen die Integration in die Strukturen und Arbeitszusammenhänge der betreffende Hochschule. Diese ist aber zielführend auch im Sinne von „learning by doing“ in den eben genannten wünschenswerten Zusatzqualifikationen. Zwar bestimmen die Programme: „Die Stipendiatinnen sind den Angehörigen der Hochschule im Sinne des § 67 Abs. 3 des HSG-LSA gleichgestellt.“ (s. jeweils Punkt 2. der Ausschreibungen) Im Einzelfall erweist sich dies nicht selten als „Gummibestimmung“ zum Nachteil der Stipendiatinnen, beispielsweise bei der Gewährung/Finanzierung von Dienstreisen, hinsichtlich der Gewährung eines eigenen Arbeitsplatzes an der Hochschule, Arbeitszeitregelungen, Teilnahme an Beratungen des Fachbereichs, der Betreuung. Da die Hochschulen im Kern von den Stipendiatinnen „profitieren“, könnte dies u. E. relativ leicht behoben werden durch entsprechende Bedingungen für die Hochschulen in den Ausschreibungen. An den Universitäten (für das Programm „Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses“) liegen beispielsweise oft Fakultätsbeschlüsse zur Betreuungspflicht von Stipendiatinnen vor.

6. Als besonders sensible und problematische Phase für die Stipendiatinnen hat sich die Endphase des Förderzeitraums herausgestellt: Sie ist in besonderem Maße davon charakterisiert, dass sich die Stipendiatinnen nicht nur „im Endspurt“ befinden, sondern auch Überlegungen anzustellen haben für eine evt. notwendige Verlängerung (und für wie lange), sich über die Förderinhalte hinaus insbesondere schon intensiv mit Bewerbungen zu befassen oder auch bekanntlich aufwändige Projektanträge (mit) zu schreiben haben.
In dieser Abschlussphase – die gleichzeitig also auch eine Planungsphase ist – bedürfen die Stipendiatinnen intensiver AnsprechpartnerInnen (BetreuerIn an der Hochschule, Vergabekommissionen), um eine gewisse Stabilität und Planungssicherheit zu erhalten. Zudem ist zu überlegen, wann und wie ein „Coaching“ für diese Endphase und insbesondere für die Bewältigung der Statuspassage vom Stipendium in den Hochschularbeitsmarkt zu implementieren sei.

7. Dass die meisten Stipendiatinnen nach der Förderlaufzeit trotz erfolgreicher Teilnahme am Förderprogramm nicht sofort in eine Professur bzw. in eine feste Stelle münden, liegt auf der Hand bzw. vor allem an sehr begrenzten vakanten Stellen. Als unbedingter Erfolg ist daher auch deren mittelfristiges Erreichen einzubeziehen, was bei vorangegangenen Förderprogrammen bereits der Fall war.
Überlegenswert ist daher, ob nach Abschluss der jeweiligen Förderlaufzeiten ein Alumni-Programm festzuschreiben, dies unter zweifacher Zielstellung:

  • zum einen, um über die weitere Berufsbiografie/das Verbleibeverhalten der Stipendiatinnen in den Jahren nach der Förderung als deren eigentliche Evaluierung zu analysieren, da die Mehrheit beispielsweise nicht direkt im Anschluss einen Ruf erhält, sondern Langzeitfolgen (natürlich angesichts der üblichen Altersbegrenzungen für Rufe nicht unbefristet) intendiert und möglich sind und dies in die Erfolgskontrolle im Sinne der Zieladäquatheit der Förderprogramme eingehen;
  • zum anderen, um eventuell einen Erfahrungsaustausch zwischen den Stipendiatinnen anzustoßen bzw. institutionell extern anzubinden, der (selbstverständlich fachdisziplinübergreifend) auf Fragen der/Hilfen zur weiteren Karriereplanung gerichtet ist quasi als Fortführung der erfolgten Förderung.

Ob es aus der Sicht des finanzierenden Landes auch als Erfolg gewertet wird, wenn erfolgreiche Stipendiatinnen anschließend in anderen Bundesländern den Einstieg in akademische Karrieren/den Weg zur Professur schaffen, sollen PolitikerInnen bewerten – gesamtgesellschaftlich ohne Zweifel. Es soll aber in diesem Kontext darauf hingewiesen werden, dass es bezüglich des Verhältnisses von Hochschulbildungsinvestition und -nutzung systematische Trends gibt, wenn nicht nur die erste Professur für eine Stipendiatin typischerweise in Bayern angesiedelt ist (übrigens sehr unfreiwillig, nach erfolglosen Bewerbungen im sachsen-anhaltinischen Umfeld). Bayern hat bekanntlich auch die niedrigste Studienberechtigungsquote aller Bundesländer und ist auf den Import von AkademikerInnen angewiesen. So gehen beispielsweise die in Sachsen und Thüringen (als führende Länder in der Ingenieursausbildung) anerkannt gut ausgebildeten IngenieurInnen vornehmlich nach Bayern.

8. Um dem erklärten Ziel der Erhöhung des Frauenanteils an Professuren näher zu kommen, ist zu fragen, ob bei der Förderung (und der Auswahl der Stipendiatinnen) fächer(gruppen)bezogene Zielsetzungen eine Rolle spielen sollten je nachdem, wie viele Professuren in den einzelnen Disziplinen an Universitäten und Fachhochschulen im Land Sachsen-Anhalt existieren bzw. vakant sind oder in den nächsten Jahren voraussichtlich (Emeritierungen) werden können. Darüber hinaus scheinen fächer(gruppen-)bezogene Zielsetzungen auch insofern angemessen zu sein, als der Istzustand der Geschlechteranteile sich durchaus differenziert darstellt (z.B. Germanistik vs. Physik) und daher auch die intendierte Erhöhung des Frauenanteils in den verschiedenen Fachrichtungen (so legt beispielsweise die Universität Koblenz-Landau in ihrem Mentorin für Frauen an Hochschulen erklärten Wert auf die Erhöhung des Frauenanteil an den sogenannten MINT-Fächern [mathematischen, ingenieurwissenschaftlichen, naturwissenschaftlich-technischen]; die Universität Heidelberg fokussiert direkt den Bereich Technik mit ihrem Mentoring-Programm MUT [Mentoring und Technik] und ist dabei offensichtlich sehr erfolgreich [bei bisher 400 Teilnehmerinnen: 40 Habilitationen und 10 Berufungen]).
Sechs Hochschulen in Sachsen starteten 2004 – gefördert vom Wissenschaftsministerium Sachsen – das Projekt „Elisa“ (Elitenförderung in Sachsen). Es richtet sich an Frauen in Naturwissenschaften, Technik und Medzin und will leistungsstarke Studentinnen ein Jahr lang insbesondere bei der Karriereplanung unterstützen und Kontakte zu Unternehmen herstellen.
Dies könnte die Statuspassage der Stipendiatinnen (von der Förderung in die künftige akademische Laufbahn), die ja angesichts der zahlreichen Variablen auf dem Hochschularbeitsmarkt ohnehin sehr unsicher ist (dies belegen die späteren Berufsbiografien der Stipendiatinnen vorangegangener einschlägiger Förderprogramme; dabei wird nicht übersehen, dass die über die Förderung erworbenen Qualifikationen selbstverständlich ein „Kapital“ über längere Zeit darstellen) – etwas aussichtsreicher machen.
Darüber hinaus könnte bei ggf. Berücksichtung fächer(gruppen)definierten Zielsetzungen bei der Bewerberinnenauswahl darüber reflektiert werden, ob und inwieweit Frauenfördermaßnahmen/Gender Mainstreaming wünschenswert und geeignet sind, zu Veränderungen in der Besetzung die weiblich versus männlich dominierten Fachdisziplinen bei den ProfessorInnenstellen/HochschullehrerInnen beizutragen, um entsprechende geschlechtstypische (paradoxe) Zuschreibungen abzubauen und Vorbilder zu schaffen sowie entsprechende Ermutigungen für Studierende. (Zwar findet eine Untersuchung [Ilse Costas/Bettina Roß: „Kontinuität und Diskontinuität in der geschlechtlichen Normierung von Studienfächern, wissenschaftlichen Arbeitsgebieten und Karrieren in den Professionen““ unter ausgewählten deutschen Hochschulen und mit historischem Rückblick, dass weibliche Studentinnen vorwiegend die Fächer Germanistik, Pädagogik, Anglistik und Psychologie studieren, sich männliche Studenten – neben Betriebswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft und Medizin wie auch Frauen – stark auf ingenieurwissenschaftliche Fächer sowie Informatik, Physik und Chemie konzentrieren. Gleichzeitig weist sie nach, dass zum einen die Wirksamkeit von Geschlechtstypisierungen von Studienfächern und Karrieren einem deutlichen Wandel unterliegen (historisch waren die ersten weiblichen Gasthörerinnen, Angestellten an Hochschulen, Promotionen und auch Habilitationen mehrheitlich in der Mathematik und in den Naturwissenschaften angesiedelt – und dies nicht nur in Deutschland) und dass zum anderen aus der geschlechtstypisierend konformen akademischen Berufsentscheidung von Frauen eine Verminderung ihrer Karrierechancen folgen kann, wenn das Berufsfeld geschlechtlich segmentiert und hierarchisiert ist [Costas 2001].)

9. Unbedingt ist aus unserer Sicht – so auch Sentenzen in den Interviews – in künftigen Begründungen, Ausschreibungen usw. von Frauenförderprogrammen der immer noch verwendete (auch in den beiden hier besprochenen) sehr missverständliche Defizit-Begriff zu vermeiden – nicht nur aus erfolgs-/meint adressatinnentaktischen, sondern vor allem aus sachadäquaten Gründen; denn unstrittig liegen die „Defizite“ für den geringen Frauenanteil an höheren Positionen an Hochschulen im Kern an den Hochschul- und gesellschaftlichen Strukturen und nicht an den Leistungsvoraussetzungen auf der Seite der Frauen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die einschlägigen Ergebnisse der BMBF-Langzeitstudie an der Universität Konstanz „Frauen im Studium“.

Resümierend:
Wenn wir erfahrungsgemäß davon ausgehen,

  • dass steigende Studentinnenzahlen (mindestens geschlechterparitätisch im Hochschulzugang in der DDR seit 1972, in Schweden noch länger, in der gesamten BRD erstmals seit Wintersemester 2003/2004) keineswegs sozusagen automatisch zu höheren Frauenanteilen an Spitzenpositionen in der Wissenschaft/an Hochschulen führen,
  • dass die Hochschulen (und andere Wissenschaftseinrichtungen) über den Sachverhalt hinaus, dass Organisationen generell eine gendered Tiefenstruktur haben besonders resistent sind gegen geschlechterdemokratische Bemühungen,
  • und dass last but not least kontinuierliche WissenschaftlerInnenbiografien gegenwärtig immer schwieriger werden (insbesondere für Frauen und unter ihnen ganz besondere für die mit sogenannter Doppelorientierung),

sind Frauensonderprogramme in der Wissenschaft weiterhin unabdingbar. Die Politik (übrigens quer durch alle Parteien) scheint an der besseren Vereinbarung von weiblicher akademischer Karriere und Familie (trotz aller Gegenwinde und Einsparungszwänge) ein Interesse zu haben – nicht etwa primär angesichts des moralischen Imperativs des Gender Mainstreaming, sondern angesichts der absehbaren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen und Kosten des (mehrheitlich noch unfreiwilligen) drastischen Verzichts der hochgebildeten deutschen Frauen auf Kinder, in den alten Bundesländern mit langer Tradition und jetzt in Ansätzen (auch schon in unseren Interviews beobachtbar) bei den Wissenschaftlerinnen aus den neuen Bundesländern mit ihrem traditionell typischen Verhaltensmuster der „ökonomischen und reproduktiven Autonomie“ (vgl. dazu Helferich 2001, 369 ff.) bei synchroner Vereinbarung von Berufs- und Familienbiografie.
Andererseits geraten Frauenförderprogramme an Hochschulen auf dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Gesellschaft im Allgemeinen und an Hochschulen im Besonderen in Gefahr, in Ermangelung anderer beruflicher Alternativen zu willkommenen „Lückenbüßern“ in weiblichen Berufsbiografien zu werden (solche Tendenzen haben wir auch schon in unseren Interviews feststellen können) oder aber auch bei erfolgreichem Abschluss ins Leere zu laufen.
Insbesondere wissenschafts- und hochschulinterne Traditionen bedürfen der Veränderung im Interesse durchaus beider Geschlechter, beispielsweise die (nach wie vor vorherrschende und leider wieder zunehmende) Orientierung der WissenschaftlerInnen- und insbesondere der ProfessorInnen-Biografie und -Karriere am Wissenschaftler, der frei ist von Familienaufgaben.
Mit anderen Worten und um im Bild „Speedway oder Sackgasse“ zu bleiben: Es gibt noch wenige kleine Stolpersteine innerhalb solcher Frauenförderprogramme (von denen wir einige aufzeigen wollten, weil leicht aus dem Weg zu räumen), aber zahlreiche große Felsbrocken in den externen gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen.


Literatur

  • Costas, Ilse (2001): Genderparadoxien in der geschlechtlichen Normierung von Studienfächern und Karrieren. In: Bulletin Texte 23 des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt-Universität zu Berlin, S. 11-31
  • Helfferich, Cornelia (2001): frauen leben Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung. Im Auftrag der BZgA von Cornelia Helfferich in Zusammenarbeit mit Wilfried Karmaus, Kurt Starke und Konrad Weller, Köln
  • Schlegel, Uta (2001): Wie und warum ostdeutsche Frauen heute ihre gesellschaftliche Stellung (nicht) reflektieren. In: Schlegel, Uta; Ludwig, Johanna (Hg.): Wie gedacht so vollbracht? Berichte vom 8. Louise-Otto-Peters-Tag 2000. LOUISEum 14 (Sammlungen und Veröffentlichungen der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e. V. Leipzig). Leipzig, S. 116-130
  • Schlegel, Uta (2005): Gleichstellungsvorsprung der Frauen damals aus der DDR und heute in Ostdeutschland? In: Benedix, Monika; Bietz, Stefanie (Hg.): Frauenforscherinnen stellen sich vor. Ringvorlesung Teil VIII. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, S. 139-160 (= Leipziger Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung. Reihe A; Bd. 4)
  • Schlegel, Uta (2005): Strategien und Instrumente zur Geschlechtergleichstellung (Frauenförderung/Gender Mainstreaming). Handreichung zur Einordnung von Hochschul-Frauenförderprogrammen. Arbeitspapiere Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hauptvorstand/Frauenpolitik Arb.-Nr. 20/2005
  • Schlegel, Uta; Burkhardt, Anke (2005): Frauenkarrieren und -barrieren in der Wissenschaft: Förderprogramme an Hochschulen in Sachsen-Anhalt im gesellschaftlichen und gleichstellungspolitischen Kontext. (HoF-Arbeitsberichte 6/05). Hrsg. vom HoF Wittenberg Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Schlegel, Uta; Friedrich, Walter (2004): Positionen sachsen-anhaltinischer StudentInnen zu Stand und Veränderung der Geschlechtergleichstellung. In: Claus, Thomas (Hg. i.A. Gender-Institut Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt): Gender-Report Sachsen-Anhalt 2003. Daten, Fakten und Erkenntnisse zur Lebenssituation von Frauen und Männern. Oschersleben. dr. ziethen verlag, S. 137-159
/ zum Seitenanfang