Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
17.12.2010

„Der Preis ist hoch“ - Kommunale Schulen in Nürnberg: teuer, aber die Vorteile überwiegen

„Kommunale Schulen sind ein teures Hobby“, so ein CSU-Kommunalpolitiker der Stadt Nürnberg. Aber auch er kann die Vorteile nicht leugnen: kurze Entscheidungswege, bessere Vernetzung mit anderen Einrichtungen, mehr Gestaltungsspielraum für die einzelne Schule. Das Wichtigste ist der Perspektivenwechsel: Bildung wird im Lebenslauf gesehen.

Das Sigena-Gymnasium in Nürnberg sollte es schon lange nicht mehr geben. Was schade gewesen wäre, denn heute ist es eines der Schmuckstücke in der Bildungslandschaft der Stadt. Selbst Klemens Gsell, dritter Bürgermeister und zugleich Schulreferent, ist jetzt in gewisser Weise froh, dass die Stadt ihre kommunalen Schulen – wenn auch wider Willen – behalten musste, weil der Freistaat eine Übernahme kategorisch abgelehnt hatte. Wenn der CSU-Politiker nach den Vorteilen kommunaler Schulen gefragt wird, muss er nicht lange überlegen. Förderkonzepte, ob für Migrantenfamilien, ob zunächst für Mädchen, jetzt eher für die Jungs, die Einführung von Ganztagszügen auch an Gymnasien, die stärkere Einbindung von Sozialpädagogen oder externen Kräften - all das wurde in den städtischen Schulen in Nürnberg viel früher angepackt als in den Einrichtungen, die das Land finanziert. Aber, sagt Gsell mit einem Anflug von Sarkasmus, „das kommunale Schulwesen ist ein teures Hobby". Doch der Reihe nach. In den 1980er-Jahren ging es Nürnberg finanziell nicht gut. Große Firmen wie Grundig oder Triumph-Adler gerieten ins Schlingern. Die Stadt litt Not und musste in ihrem Etat drastische Einschnitte vornehmen. Auch über die Schließung eines der fünf städtischen Gymnasien haben die Kommunalpolitiker diskutiert. Das Sigena-Gymnasium sollte geschlossen werden, das unmittelbar neben dem staatlichen Pirckheimer-Gymnasium liegt. Ein Sturm der Empörung brach los: Eltern, Lehrkräfte, Schüler protestierten – mit Erfolg. Anfang der 1990er-Jahre verschärften sich Nürnbergs Haushaltsprobleme. Der Stadtrat kramte die Schließungspläne wieder aus der Schublade hervor. 1992 entschied er - nach erneut sehr hitzigen Debatten -, am Sigena-Gymnasium keine neuen Eingangsklassen mehr zu bilden. Die Schule sollte langsam ausbluten. Selbst die Schulleitung wurde nur noch kommissarisch besetzt. Doch wiederum gewann die Diskussion die Oberhand und brachte ein Bürgerbegehren auf den Weg. Der Umschwung kam mit der Kommunalwahl im März 1996, die die SPD völlig überraschend verlor. Die CSU kassierte den Schließungsbeschluss und im Herbst 1996 konnte das Sigena-Gymnasium neue Eingangsklassen bilden.

Freistaat entlastet sich
Der Beschluss, die städtischen Schulen Nürnbergs (fünf Gymnasien und vier Realschulen) an den Freistaat abzustoßen, gilt zwar formal noch immer. „Aber das ist ein reiner Finanzantrag", räumt Bürgermeister Gsell ein. Nürnberg ist damit nicht allein. Rund 100 Städte in Bayern haben bei der Staatsregierung Anträge auf Übernahme ihrer kommunalen Schulen gestellt. „Der Freistaat entlastet sich durch die kommunalen Schulen jährlich mit 300 Millionen Euro", erklärt die Nürnberger SPD-Landtagsabgeordnete Angelika Weikert. Nürnberg allein schultert dabei jährlich 44 Millionen Euro an Personalkosten für Lehrkräfte. Das Land übernimmt nur die Hälfte der Kosten. Der Preis kommunaler Schulen ist hoch. Auf der anderen Seite sind die Vorteile unübersehbar. „Wir haben kurze Entscheidungswege", so Gsell. Eine Großstadtschule hat ganz andere Bedürfnisse als eine auf dem flachen Land. Und so haben Nürnbergs städtische Gymnasien inzwischen ganz klare Profile, zugeschnitten auf die Bedürfnisse vor Ort: Das Sigena etwa führte Ganztagsklassen ein, das Bertold-Brecht-Gymnasium hat sich zur sportlichen Eliteschule gemausert (an der auch etliche der Fußball-Talente des Bundesligisten 1. FC Nürnberg ausgebildet worden sind). Es gibt ein musisches Gymnasium, eines mit einem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen sowie eines mit einem sprachlichen Zweig. Zumindest zum Teil sind das Angebote, „die der Staat nicht hätte offerieren können", stellt Gsell fest.
Ein solches Lob für die Obrigkeit würde nur wenigen Schulleitern bayerischer Gymnasien über die Lippen kommen. Dagegen hört man aus den kommunalen Schulen: „Die Stadt tut alles, um unsere Einrichtungen zu entwickeln", so Manfred Hierl, der seit 2001 Schulleiter des Nürnberger Sigena-Gymnasiums ist. Das ist schon äußerlich sichtbar. Derzeit wird auf dem Schulgelände ein sehr ansprechender Neubau geschaffen: Der Ganztagsbetrieb, der im Herbst 2008 startete, erfordert mehr Platz.

Nicht einfach Schulen betreiben
Wie viel sich an dieser Schule in den vergangenen Jahren geändert hat, lässt sich an einer Facette gut ablesen. Das Sigena liegt in der Nürnberger Südstadt, einem Arbeiterstadtteil mit relativ hohem Ausländeranteil. Gleichwohl, seit die Schule gebundene Ganztagsklassen eingerichtet und auch sonst eine Fülle Neuerungen eingeführt hat, kommen Anmeldungen verstärkt auch aus den reichen Vororten oder der Nordstadt, obwohl andere Gymnasien räumlich durchaus günstiger zu erreichen wären.
Was sich alles geändert hat? Hierl räumt erst einmal mit einem möglichen Missverständnis auf: „Kommunalisierung der Schulen bedeutet viel mehr, als das Kommunen einfach Schulen betreiben", sagt der 56-Jährige. Entscheidend sei der Perspektivenwechsel, „dass jetzt Bildung in Lebensläufen gesehen wird". Da müsse das schulische Konzept beispielsweise mit dem der Kindergärten abgestimmt werden. In Nürnberg ist das so, zumindest hat man damit angefangen. Aufgrund des gemischten Einzugsbereichs lernen am Sigena Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Bei vielen türkischen Fünftklässlern etwa gibt es Defizite in der deutschen Sprache. Elternarbeit ist deshalb ganz wichtig. In der Mittelstufe wiederum war das Kollegium mit den naturwissenschaftlichen Leistungen nicht zufrieden. Während Schulen in Trägerschaft des Landes große Mühe haben, auf solche Probleme rasch zu reagieren, war das am Sigena kein Thema. Denn die Stadt gewährt ihren kommunalen Schulen genau für solche Aufgaben zusätzliche Lehrerstunden. An Hierls Schule sind es 23 Wochenstunden, fast genau eine ganze zusätzliche Lehrerstelle. „Wir können damit auf Mängel viel schneller reagieren, als wenn das von einer Zentralstelle (im fernen München) geleitet wird." Hierls Kollegin Andrea Franke vom städtischen Labenwolf-Gymnasium sieht das ähnlich. Auch in ihrer Einrichtung stand zumindest eine Teilabwicklung auf der Agenda. Das Gymnasium sollte nur noch zwei musische Eingangsklassen bilden dürfen und vom nahegelegenen Johannes-Scharrer-Gymnasium mitverwaltet werden. Das ist inzwischen vom Tisch. Zuletzt gab es fünf Eingangsklassen - und der Schüleransturm ist ungebrochen.

Schulen stellen Personal an
Die Vorteile, Chefin einer städtischen Schule zu sein, sind nach Frankes Ansicht enorm. „Der ganz große Vorteil ist, dass ich mein Personal selbst einstellen kann", sagt sie. In einem intensiven Personalgespräch würden die Bewerber abgeklopft. Anders als an den Schulen, deren Träger das Land ist, ist dabei auch der Personalrat eingebunden. Gemeinsam achte man darauf, dass die neuen Lehrkräfte gut ins Team passten. „Wenn ich ins Kollegium gehe, weiß ich: Die wollen alle hier sein und haben nicht schon den Versetzungsantrag in der Tasche." Andrea Franke schätzt die kurzen Wege und das erkennbare Bemühen der Stadt, Schulen in ihrer Trägerschaft trotz knapper Kassen zu fördern. So erhält ihr Gymnasium 21 zusätzliche Lehrerstunden. Sechs dienen dazu, kurzfristige Ausfälle sinnvoll abzudecken. Zudem gibt es eine spezielle Förderung für russische Migrantenkinder, von denen viele - aufgrund ihrer guten musischen Vorbildung - das Labenwolf besuchen. Es gibt zudem Motivationstraining für Schüler, ein fremdsprachliches Theater, das etliche scheuere und stillere Kinder zum Reden bringt. Entwickelt wurde das Schulprofil in enger Zusammenarbeit mit dem städtischen Pädagogischen Institut (PI). Wenn irgendwo der Schuh drückt, kann die Schulleiterin sofort den städtischen Schulreferenten kontaktieren. Das ist bei ihren Kollegen, die beim Land angestellt sind, anders. Wenn der zuständige Mann im Münchner Ministerium mit über 300 Gymnasien zu tun hat, könne sie verstehen, „dass der Kollege dort das Telefon abstellt", sagt Franke. Noch etwas findet die 53-Jährige wichtig: dass ein Gesamtkonzept besteht, das alle Beteiligten mittragen. Vor zwei Jahren legte der Stadtrat das Programm „Mehr Schulerfolg an Realschulen und Gymnasien (MSRG)" auf. Beim Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) wurde eine eigene Stabsstelle eingerichtet – das zeigt, dass Bildung eine hohe Priorität genießt. Es gibt außerdem einen Bildungsbeirat, in dem externe Bildungsexperten für die Stadt Empfehlungen für die kommunale Bildung erarbeiten. So hat man zunächst in zwei Konferenzen die Übergänge von der Grund- in die weiterführenden Schulen durchleuchtet, dann stand das Thema frühkindliche Bildung auf der Agenda. Der Vorteil dieses kommunalen Konzeptes: Alle Beteiligten denken ganzheitlicher – sehen Bildungsbiografien im Zusammenhang. Selbst die gemeinsamen Sitzungen mit den anderen städtischen Dienststellen-Chefs empfindet Andrea Franke als bereichernd. Sie fühlt sich als Teil der Stadt und wird ernstgenommen. „Das ist eine ganz andere Kommunikation", betont sie. Und was bringt unter dem Strich die Kommunalisierung der Bildung? Sigena-Chef Hierl will nicht so weit gehen zu behaupten, überall lasse sich der Erfolg in Ziffern ablesen. An den Noten gemessen, sagt er, seien die Leistungen „nicht deutlich besser", in Teilbereichen aber doch. Auffällig sei vor allem der Niveau-Unterschied von Migrantenkindern in den Halbtags- und den Ganztagszügen. Der Ganztagsbetrieb ist aber noch zu neu, „um bereits eine Nachhaltigkeit nachweisen zu können". Generell stellt Hierl aber fest, dass sich „der soziale Bereich gut entwickelt". Hier spüre man die Wirkung zusätzlicher pädagogischer Fachkräfte. Auch Labenwolf-Chefin Franke, deren Schule ein ganz anderes Klientel hat, will nicht übertreiben. Sie verweist darauf, dass schon die Anmeldezahlen für sich sprächen. Aber dann erwähnt sie doch, dass auch die Notenentwicklung ihrer Schüler beeindruckend sei. Im vergangenen Jahr hätten nur sieben Abiturienten in der Gesamtnote eine Drei vor dem Komma erzielt. Alle anderen waren besser.

Georg Escher, Redakteur der „Nürnberger Nachrichten“

Mitdiskutieren!

Dazu haben Sie etwas zu sagen? Dann schreiben Sie einen Kommentar und lesen Sie, was andere geschrieben haben.
Mitdiskutieren!

 

/ zum Seitenanfang