Startseite


 
 
 
 
 
 
 
 
31.01.2012

Niederlande: "Wir haben es satt"

Signalgrün, die Farbe des „Allgemene Onderwijs Bond" (AOb), der Partnergewerkschaft der GEW in den Niederlanden, bestimmte am 26.1.2012 das Stadtbild von Utrecht. Über 20.000 Lehrkräfte waren dem Streikaufruf ihrer Gewerkschaft gefolgt.

Lehrerinnen und Lehrer aus allen Teilen der Niederlande protestierten gegen ein Gesetz zur Heraufsetzung der Jahresstundenzahl für Schülerinnen und Schüler in Sekundarschulen von 1000 auf 1040 Stunden, das in der zweiten Kammer bereits beschlossen worden ist und dessen Verabschiedung in der ersten Kammer bevorsteht. Unmittelbarer Anlass für den Streik ist der Versuch gewerkschaftlicher Einflussnahme auf das niederländische Parlament, welches das Gesetz zur Heraufsetzung der Jahresstundenzahl ohne entsprechenden Ausgleich für die Lehrkräfte auf den Weg gebracht hat. Der eigentliche Grund ist ein anderer: In Wirklichkeit brach sich eine tiefsitzende Frustration über einen lang anhaltenden Bildungsabbau, sich ständig verschlechternde Arbeitsbedingungen in der Sekundarbildung und eine tiefe Unzufriedenheit über die politische und gesellschaftliche Entwicklung Hollands mit ihrer konservativen Regierung Bahn, die Rücksicht auf die mit Ressentiments beladene Geert Wilders Partei nehmen muss.

Angriff auf die Koalitionsfreiheit

Es war der erste große Streikaufruf der AOb nach Jahrzenten. Denn die Regierung startet nicht nur einen gravierenden Bildungsabbau, sondern auch einen Angriff auf die Koalitionsfreiheit der Gewerkschaften und Arbeitgeber. Sie versucht nämlich per Verordnung die Urlaubszeiten zu verkürzen, die in gültigen Tarifverträgen zwischen den Tarifparteien ausgehandelt worden sind. Im Vorfeld hatte es lokal begrenzte Streikaktionen von Aktivistengruppen gegeben, die parallel zu den Streikvorbereitungen der AOb stattfanden. Lang anhaltender Lehrermangel, Einfrieren der Gehälter und eine enorme Kürzung der Mittel für die „Inklusion “ – was in den Niederlanden bedeutet, dass eine erkleckliche Anzahl von „Förderschullehrkräften“ (specialized teachers) entlassen werden müssen, brachten das Fass so zum Überlaufen, dass sich statt der erwarteten 10.000 Streikenden mehr als doppelt so viele auf den Weg nach Utrecht machten. Im Zuge der Streikvorbereitungen riefen unter dem Druck ihrer Mitglieder der niederländische Beamtenbund und selbst die christliche Gewerkschaft, die sich eigentlich nicht am Streik beteiligen wollte, zum Streik auf. Auch Schulleiter, Eltern, Schüler und Studenten konnten als Bündnispartner gewonnen werden.

Beste Stimmung und viele junge Kolleginnen und Kollegen

In der kurzweiligen, eineinhalb Stunden dauernden Streikversammlung herrschte Aufbruchsstimmung und beste Laune. Politiker durften nicht reden. Zur Einstimmung wurden auf Großleinwänden Statements von Betroffenen per Twitter eingeblendet, während eine Band mit Oldies die Stimmung anheizte. Die Moderation übernahm ein bekannter niederländischer Fernsehmoderator, der nicht nur die üblichen Kurzreden anmoderierte, sondern auch eine Zaubershow und Streikende aus der Versammlung, die auf die Bühne gebeten wurden, interviewte. Diese in der Regel sehr jungen Kolleginnen und Kollegen wurden von AOb „ Scouts“ während der Streikversammlung angesprochen und direkt auf die Bühne gebeten. Dabei handelte es sich nicht nur um Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch um pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr pointiert ihre unmittelbare Betroffenheit ausdrücken konnten. Meine Teilnahme als GEW Mitglied und die dadurch bekundete Solidarität wurde mit Freude, Zustimmung und vielfältigen Zuspruch gewürdigt. Der gemeinsame Kampf um Arbeitnehmerrechte und die „Bildung für alle“ in einem zunehmend unter ökonomischen Zwängen stehenden Europa standen dabei im Mittelpunkt.

Michael Strohschein (GEW) und Trudy Kerperien (AOb Vorstandsmitglied)

Text: Michael Strohschein, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der GEW Niedersachsen
Fotos: AOb, Michael Strohschein


Streik in den Niederlanden: Verärgerung über ständig schlechter werdende Arbeitsbedingungen



/ zum Seitenanfang