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17.12.2010

„Das Land gibt den Rahmen vor“

Interview mit der nordrhein-westfälischen Schulministerin Sylvia Löhrmann

E&W: Frau Löhrmann, in Nordrhein-Westfalen (NRW) gab es bereits einige Erfahrungen mit der selbstständigen Schule. Dabei geht es ja nicht nur um mehr Gestaltungsspielraum für die einzelne Schule, sondern auch darum, dass die Kommunen eine größere Verantwortung übernehmen.

Sylvia Löhrmann: Sie haben recht. Die Landesregierung setzt ja auch den bereits im Jahr 2002 mit dem Modellversuch „Selbstständige Schule“ begonnenen Prozess hin zu mehr Selbstständigkeit und zu einer stärkeren regionalen Verankerung der Schulen fort. Es ist richtig, die örtliche Verantwortungsgemeinschaft zu stärken und damit Schulen und andere Bildungsträger zu vernetzen. Insofern ist es ein großer Gewinn, dass mit Unterstützung des Landes bereits in 47 von 53 Kreisen und kreisfreien Städten „Regionale Bildungsnetzwerke“ gegründet wurden, in denen sich kommunale und gesellschaftliche Bildungsträger verpflichten, vor Ort eng zusammenzuarbeiten und gemeinsam ein Bildungsangebot zu entwickeln.

E&W: Wie sieht das konkret aus?

Löhrmann: Es entsteht ein Dreieck der Verantwortung: Das Land legt den Rahmen fest, setzt die Standards für Schule und Unterricht und überprüft, ob diese auch erreicht werden. Das ist uns sehr wichtig. Die Kommunen sind starke Partner im Sinne dezentraler Aufgabenwahrnehmung und wir wollen sie weiter stärken. Der dritte Partner ist die Zivilgesellschaft, die mit ihrem Engagement die Schule befruchtet.

E&W: Inwiefern kann die Zivilgesellschaft befruchtend in die Schulen hineinwirken?

Löhrmann: In den Offenen Ganztagsgrundschulen, die wir seit 2003 fördern, zeigt sich sehr deutlich, dass die Kinder davon profitieren, andere Professionen zu erleben als ausschließlich Lehrerinnen und Lehrer. Musiker kommen in die Schulen, Sportvereine werden Partner ebenso Theatergruppen. Fachleute aus den Betrieben berichten vom Berufsleben oder bieten Praktikumsplätze an. Bildung wird damit ganzheitlicher. Die Schule öffnet sich ins Umfeld, und das Umfeld kommt in die Schule hinein. Der Gedanke, „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“, wird so mit Leben gefüllt.

E&W: Was können Kommunen mehr zur Bildung beitragen, als Hausmeister und Sozialpädagogen an den Schulen zu bezahlen?

Löhrmann: Bitte unterschätzen Sie die Bedeutung dieser Aufgaben nicht! Aber darüber hinaus engagieren sich viele Kommunen zum Beispiel dafür, dass die Jugendlichen Ausbildungsplätze bekommen. Die Bürgermeisterin, der Bürgermeister setzt sich dafür ein, dass die Schule vor Ort ein wichtiger Standortfaktor ist und bleibt. Dabei werden auch die Betriebe mit in die Verantwortung genommen. Unternehmen, Kommunen und Schulen sorgen im Idealfall gemeinsam dafür, dass alle jungen Menschen eine Perspektive haben.
Einige Städte, Mönchengladbach etwa, entwickeln eigene Fortbildungskonzepte und bringen Lehrkräfte schulformübergreifend zusammen. Da merken alle Beteiligten, dass es eine Gesamtstrategie für Bildungsplanung und entwicklung gibt. Solche Beispiele machen Schule.

E&W: Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, entwickelt sich aber von Kommune zu Kommune recht unterschiedlich.

Löhrmann: Wir streben mit unseren Kommunen eine Partnerschaft auf Augenhöhe an. Deshalb hoffe ich, dass die guten Beispiele für kommunale Schulentwicklung eine neue Dynamik in Gang bringen. Da geht es dann nicht um ideologische Auseinandersetzungen, nicht um das allein selig machende Konzept. Vor Ort herrscht oft große Einigkeit und es wird pragmatisch entschieden. Eine gewisse Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen müssen wir dabei in Kauf nehmen.

E&W: Sie überlassen nun den Gemeinden, ob sie Gemeinschaftsschulen schaffen wollen. Das sieht so aus, als ob Sie die Verantwortung des Landes für die Schullandschaft auf die Kommunen abwälzen wollten. Damit schieben Sie diesen aber auch den Schwarzen Peter für ein kontroverses Thema zu.

Löhrmann: Nein, das ist nicht richtig. Das Land trägt ja nach wie vor die Verantwortung – für die Rahmenbedingungen, für die Überprüfung der Bildungsstandards, für die Lehrerversorgung. Und: Schon heute entscheiden unsere Kommunen über das örtliche Schulangebot. Wir geben Ihnen mit der Gemeinschaftsschule bloß eine weitere Möglichkeit zu gestalten. Damit können sie auf zurückgehende Schülerzahlen reagieren und ein umfassendes weiterführendes Schulangebot vor Ort sichern. Gleichzeitig können die Kommunen mit dieser neuen Schulform dem Wunsch der Eltern nachkommen, die die Bildungswege für ihre Kinder länger offenhalten wollen. Das ist keine Kommunalisierung, sondern eine Erweiterung der ohnehin gegebenen örtlichen Schulträgerschaft.

E&W: In den Gemeinden entwickeln sich die einzelnen Quartiere immer weiter auseinander. Gemeinsamer Schulbesuch könnte der sozialen Polarisierung entgegenwirken. Wollen das die Kommunen? Oder sorgen sie eher dafür, dass die Klientel in den gut betuchten Stadtteilen auch die bessere Schulversorgung erhält? Könnte das Land eine solche Entwicklung verhindern?

Löhrmann: Schulentwicklungsplanung ist und bleibt zwar Aufgabe der Kommunen. Aber das Land gibt den Rahmen vor. Das gilt zum Beispiel auch für die Ausstattung der Schulen mit Lehrerstellen. Schulen, die unter besonders schwierigen Bedingungen arbeiten, also etwa in sozialen Brennpunkten, erhalten zusätzliche Lehrerstellen, die nach einem bestimmten Sozialindex vergeben werden. Dies ist noch von der schwarz-gelben Vorgängerregierung so begonnen worden, und wir werden das fortsetzen, weil es ein wichtiger Beitrag zu mehr Chancengleichheit ist. Darüber hinaus: Bildung ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden. Der Bund muss die Länder bei den Bildungsausgaben stärker unterstützen, zum Beispiel bei der Mittagsverpflegung der Schüler und dem Ganztagsausbau. Deswegen muss auch das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildung abgeschafft werden. Nur so können wir einer weiteren sozialen Spaltung der Gesellschaft wirksam vorbeugen.
Interview: Karl-Heinz Heinemann, freier Journalist

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