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17.12.2010

„Gemeinsame Verantwortung“

Interview mit Siegfried Haller, Leiter des Jugendamts in Leipzig

E&W: Herr Haller, wie sehr darf sich eine Kommune in Bildungsfragen einmischen, die in die Verantwortung des Landes fallen?

Siegfried Haller: Die Kommunen dürfen sich nicht nur einmischen, sie müssen sich sogar einmischen. Wir müssen und wollen Verantwortung übernehmen und Einfluss auf die Schulpolitik ausüben. Die Zeit, in der wir uns nur um den Hausmeister und die Kreide kümmern durften, sind endgültig vorbei.

E&W: Aber Träger der Schulen sind doch nun mal die Länder, nicht die Kommunen.

Haller: Das ist richtig. Dafür sind die Kommunen Träger zahlreicher Einrichtungen, die eng mit den Schulen zusammenarbeiten. Das fängt mit den Kindertagesstätten an und hört mit den Anbietern von Weiterbildung auf. Gerade im Bereich der Frühen Bildung, beim lebenslangen Lernen, aber auch in der kulturellen Bildung haben die Kommunen Gestaltungs- und Netzwerkkompetenz. In Leipzig haben wir uns nach dem PISA-Schock 2001 Gedanken gemacht, wie sich die Kommune in die Schulpolitik einbringen kann. Sowohl Wolfgang Tiefensee als auch sein Nachfolger Burkhard Jung (beide SPD) haben als Oberbürgermeister sehr darauf gedrängt, dass sich die Stadt auch an den Schulen engagiert.

E&W: Was heißt das konkret?
Haller: Wir bieten Schulsoziarbeit und ergänzende Hilfe in den Schulen an - etwa durch eine Zusammenarbeit zwischen Schulpsychologen und Jugendamt. Außerdem haben wir ein Programm gestartet, das den Übergang von den Grundschulen auf die weiterführenden Schulen erleichtern soll. Und wir bieten bereits in der Kita eine Elternberatung an.

E&W: Viele dieser Projekte sind aber doch originäre Aufgabe des Schulträgers. Entlassen Sie damit das Land aus seiner Verantwortung?

Haller: Man kann das so sehen. Aber zum einen tragen Land und Kommunen verfassungsrechtlich gesehen ohnehin eine gemeinsame Verantwortung. Und zum anderen wollen sowohl Land wie auch Stadt das bestmögliche Bildungsergebnis erzielen. Gerade die so genannten Bildungsverlierer brauchen eine intensive Unterstützung, die das Land so nicht leisten kann. Hier ist die Kommune gefordert. Wir können doch als Stadt nicht sagen, wir können uns nicht um einen Jugendlichen kümmern, weil wir dafür nicht zuständig sind.

E&W: Aber Sie könnten zumindest fordern, dass sich das Land finanziell stärker an Ihrem Engagement beteiligt...

Haller: Das tun wir ja auch. Nehmen Sie unser Programm, das den Übergang von der Grundschule auf Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium erleichtern soll. Immer wieder beschweren sich beispielsweise Lehrkräfte weiterführender Schulen, dass die Grundschulen nicht genügend Kenntnisse vermittelten. Aber damit klagen sie doch über Mitarbeiter aus dem selben Haus. Denn: Ob Grundschule oder Gymnasium - Träger ist immer das Land. Wenn wir in solchen Fällen als Kommune eingreifen und unsere Hilfe anbieten, sollten wir dafür nicht auch noch mehr bezahlen müssen. Gerecht wäre eine Mischfinanzierung. Ich plädiere daher für einen regionalen Bildungsfonds, in den das Land sowie die Kommunen einzahlen. So ließen sich zusätzliche pädagogische Projekte besser finanzieren.

E&W: Was raten Sie Kommunen, die sich in der Schulpolitik engagieren wollen?

Haller: Sie sollen sich nicht entmutigen lassen. Musikschulen und Sportvereine können sich im Kontext einer kommunalen Bildungslandschaft besser in Schulen einbringen. Die sind dankbar dafür. Die gesamte Stadtgesellschaft kann sich mit Bildungspolitik auseinandersetzen, wenn das Land dafür offen ist. Und das sollte es sein. Denn vom Schulalltag in den Kommunen ist die Landesregierung doch sehr weit entfernt. Und wie sagte der amerikanische Präsident John F. Kennedy einst: Bildung ist teuer, sehr teuer sogar. Aber eines ist noch teurer, sehr viel teurer - keine Bildung!

Interview: Georg Leppert, Redakteur der „Frankfurter Rundschau“

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