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26.11.2006

Gymnasiallobby verfälscht McKinsey-Studie

Im Oktober 2007 erschien eine englischsprachige McKinsey-Studie mit dem Titel „How the world‘s best performing school systems come out on top“? – Untersucht wurde, ob bei leistungsstarken Schulsystemen Gemeinsamkeiten feststellen lassen.

Im Oktober 2007 erschien eine englischsprachige McKinsey-Studie mit dem Titel „How the world‘s best performing school systems come out on top“? – Untersucht wurde, ob bei leistungsstarken Schulsystemen Gemeinsamkeiten feststellen lassen. In verfälschender Art haben einige deutsche Zeitungen, die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) und der Philologenverband die Studie als Bestätigung für das notwendige "Ende der Strukturdebatte" dargestellt.
Mit dieser Botschaft und der zugrunde liegenden Studie befasst sich der Kommentar von Marianne Demmer "Gymnasiallobby verfälscht McKinsey-Studie".

Eine ideologische Sicht auf die Welt verringert die Lesekompetenz. Anders ist nicht zu erklären, was einige deutsche Zeitungen, eine hessische Kultusministerin und in deren Schlepptau der Philologenverband aus einer soeben erschienenen McKinsey-Studie herausgelesen haben. „Nach McKinsey-Studie: Ende der Strukturdebatte“ – so bringt eine Pressemitteilung der „jungen Philologen“ das Hoffen und Wünschen der Gymnasiallobby auf den Punkt. Dass jetzt ausgerechnet eine McKinsey-Studie die Strukturdebatte in Deutschland für beendet erklärt haben soll, macht neugierig. Schließlich war Jürgen Kluge, der deutsche McKinsey-Chef, einer der ersten prominenten Wirtschaftsvertreter in Deutschland, der schon im März 2003 in einem taz-Interview die Effizienz und Funktionalität des hoch selektiven deutschen Schulsys-tems in Frage gestellt hatte. Wir sollten uns „ruhig trauen, die Schüler erst später als nach der vierten Klasse in verschiedene Schulformen zu stecken“, riet er damals.

Was verrät also die im Oktober 2007 erschienene englischsprachige McKinsey-Studie mit dem Titel „How the world‘s best performing school systems come out on top?“ – Untersucht wird, ob sich in Schulsystemen, die bei verschiedenen nationalen und internationalen Leistungsstudien am besten abgeschnitten haben bzw. in kurzer Zeit große Leistungszuwächse hatten, Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Antwort: „Getting the right people to become teachers“, „developing them into effective instructors“, „ensuring that the system is able to deliver the best possible instruction for every child“ sind solche Gemeinsamkeiten. Anderes, wie die Menge des Unterrichts, die investierten Kosten pro Schüler, Ganztag / Halbtag und die Form der Steuerung (privat oder staatlich, zentral oder dezentral) bilden in den untersuchten Ländern keine gemeinsamen Merkmale. Sie sind deshalb natürlich nicht bedeutungslos, aber eben auch nicht verallgemeinerbar.

Deutschland gehört nicht zu den untersuchten Ländern. Über den Einfluss hoch selektiver Schulsysteme sagt die Studie generell nichts. Sie gehören bekanntlich nicht zu den erfolgrei-chen Systemen. Auch Singapur eignet sich nicht als Beispiel. Dort kennt man nach dem sechsten (!) Schuljahr zwar verschiedene Bildungsgänge (sprachlich, allgemein, polytech-nisch), die jedoch zueinander nicht in hierarchischer Beziehung stehen und alle zum mittleren Abschluss führen. Gegliedert ist eben nicht gleich gegliedert.

All dies muss der hessischen Kultusministerin entgangen sein. Oder könnte sie sonst in einer Pressemitteilung vom 6. November 2007 so tun, als habe die Studie ihr persönlich bestätigt, „dass der bildungspolitische Weg der Landesregierung der richtige ist“? Auch die Behaup-tung „Die von einigen Oppositionsparteien geäußerte Kritik am mehrgliedrigen Schulsystem Hessens wird jetzt durch eine internationale Studie von McKinsey klar widerlegt.“ ist grotesk. Kann Frau Wolff kein Englisch? Hat ihr niemand gesagt, dass Hessen nicht untersucht wurde und dass mit „structure“ mitnichten die Schulstruktur in Deutschland gemeint ist, sondern Steuerungs- und Finanzierungsfragen? „It was naive to assume that classroom quality would improve just because we changend our structure” sagt laut Studie ein neuseeländischer Bil-dungspolitiker, der die Dezentralisierungspolitik seines Landes für nicht sonderlich zielführend hält.

Qualifizierte, motivierte Lehrer und guter Unterricht sind der Schlüssel zu einem guten Schul-system. Wer wollte daran zweifeln? Nur was man genau darunter versteht, wie man sie be-kommt und welche Rolle ein hoch selektives Schulsystem wie das deutsche dabei spielt, das ist die spannende, zu klärende Frage.

Der Appell an die Lehrkräfte reicht bei weitem nicht aus. Die Besten für den Lehrerberuf begeistern, sie hervorragend ausbilden und organisatorisch und strukturell sicher stellen, dass jedes (!) Kind in den Genuss guten Unterrichts und individueller Förderung kommt. Das sind die Antworten der Studie und Forderungen an die politisch Verantwortlichen. Was aber for-dern die Jungphilologen? Eine „Exzellenzinitiative für die Lehrerbildung“ - nur für Gymnasiallehrer! Und warum? Weil ihre Schüler „die Forscher von morgen“ seien, die deshalb „best-möglich gefördert“ werden müssten. Hätte es noch eines Belegs bedurft, dass wir in Deutsch-land die Strukturfrage klären müssen, wenn wir jeden jungen Menschen bei der Entfaltung aller seiner Potenziale unterstützen wollen – die geballte Arroganz und Ignoranz der Gymna-siallobby liefert ihn erneut frei Haus.

Marianne Demmer

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