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01.01.2008

Gastkommentar 01/2008: Steilvorlage für Kanzlerin Merkel

Manchmal erfolgt eine Entzauberung durch kleine Meldungen: Da lockten die Pisa-Tester in den USA Jugendliche und Schulen mit Dollar-Noten. In den Niederlanden winkten sie mit Euro-Scheinen und in Slowenien mit schulfrei. In Deutschland durften die 489 115-jährigen Teilnehmer den Bleistift behalten: als „Souvenir“, wie der deutsche Pisa-Papst Manfred Prenzel scherzte. Der Kern der Botschaft ist ernster.

Die rund 300 Wissenschaftler, die weltweit alle drei Jahre schulische Leistungen und Kompetenzen messen, stellen bei den Beteiligten eine Testmüdigkeit fest und haben Schwierigkeiten, die wissenschaftlichen Ansprüche an diese globalen Studien einzulösen. Sie sind gezwungen, um Akzeptanz zu werben, vor allem bei den Jugendlichen, den Eltern und den Lehrern.

Und das wird auch Zeit. Die Werbung um Akzeptanz gilt auch für den Organisator: die OECD. Hier handelt es sich nicht um eine UN-Kommission, die dem Kindeswohl und dem Recht auf Bildung verpflichtet ist. Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geht es zuvörderst darum, den beteiligten Ländern klar zu machen, welchen Stellenwert schulische Leistungen für die soziale und ökonomische Dynamik eines Landes haben. Und dass „Humanressourcen“ nicht vergeudet werden dürfen: Für Deutschland, wo pro Jahr nur noch rund 700 000 Kinder geboren werden, bedeutet das, den hohen Anteil an Einwanderer-Kindern nicht links liegen zu lassen, sondern massiv zu fördern.

Hier ist seit Pisa 2000 der Druck auf die Kultusminister entstanden, die mehrheitlich felsenfest davon überzeugt sind, das angeblich begabungsgerechte, in Wahrheit sozial hoch selektive deutsche Bildungssystem liefere die Jugendlichen der Wirtschaft bedarfsgerecht ab. Alle drei Studien erschüttern diesen Mythos, selbst wenn es der OECD weniger um Schulstrukturen geht als um wirtschaftliche Prosperität. Wie sehr die ökonomische Entwicklung im Vordergrund steht, ist jetzt in aller Deutlichkeit formuliert worden.

„Für die Sicherung des Nachwuchses in naturwissenschaftlich-technischen Berufsfeldern ist es wichtig, dass sich insbesondere die kompetenten jungen Menschen für die Naturwissenschaften begeistern“, schreibt Prenzel in der Zusammenfassung von Pisa 2006. Diese 23 Seiten lesen sich wie eine Vorlage für den „Bildungsgipfel“, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Herbst mit den Länderchefs über den Fachkräftemangel und die geringe Zahl an Studenten der Ingenieur- und Naturwissenschaften reden will. Wie begeistert man aber Gymnasiasten? Prenzel stellt bedauernd fest, dass ein erheblicher Anteil der „Hochkompetenten“, nämlich 44 Prozent, sich „relativ wenig für Naturwissenschaft interessiert“ und sich nur rund 18 Prozent vorstellen können, mit 30 Jahren in einem solchen Beruf zu arbeiten? Wenn der Nachwuchs aber gesichert werden soll, so der unverblümte Rat an die Politik, dann müssten „größere Anteile der hochkompetenten Jugendlichen“ gewonnen werden.

Angesichts dieser Steilvorlage für die Physikerin Merkel fallen die Bemerkungen zu den „Niedrigkompetenten“ knapp aus. Für die Kinder der Arbeiter und Angestellten hat sich auch wenig verändert. Jeder fünfte Jugendliche gehört im Lesen und in Mathematik zur „Risikogruppe“. In den Naturwissenschaften erreichten knapp 40 Prozent der Hauptschüler das Basisniveau nicht, das in technisch-medizinischen Berufen vorausgesetzt wird. Sechs Jahre Diskussion über die ausgeprägte Selektion nach sozialer Herkunft und Benachteiligung im Schulsystem sind weitgehend spurlos geblieben. Eine „unentschuldbare Ungerechtigkeit“ nennt es Bundespräsident Horst Köhler. Richtig, aber wer sorgt für die Korrektur?

Jutta Roitsch, Bildungsjournalistin, ehemals Frankfurter Rundschau

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