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Familienfreundliche Hochschule? – Familienfreundliche Hochschule!

Dr. Ursula Kneer, Universität Flensburg

Zusammenfassung der Arbeitsgruppen-Ergebnisse
29. Seminar der Frauen in Hochschule und Forschung am 12. November 2005 in Erkner


Die Forderung nach mehr Kindern von Akademikerinnen – was steckt dahinter?

Gegenwärtig scheint die Tendenz zu bestehen: Frauenpolitik/Frauenförderung/ Gleichstellungspolitik/Gleichstellungsförderung vollständig durch Familienpolitik/ Familienförderung ersetzen zu wollen. Man kann sich manchmal nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass bei Hochschulen dabei im Mittelpunkt die reine Reproduktion der sozialen Schicht der intellektuellen Bildungselite steht (vgl. Hey, Johanna 2005: Sind Familie und Wissenschaft als Beruf vereinbar? In Forschung und Lehre S. 352 – 355). Damit bedeutet in diesem Zusammenhang „Familienpolitik“ aber nur noch die schlichte Forderung nach einer Erhöhung der Kinderzahl bei AkademikerInnen – eine verkürzte „Bevölkerungspolitik“.

Argumentiert wird gerne mit den „40 %“, die auf dem Mikrozensus von 1999 basieren und bedeuten, dass 40% aller Akademikerinnen bis zum Alter von 39 Jahren kinderlos seien. Nach diesem Mikrozensus werden aber nur Kinder gezählt, die mit im Haushalt leben. Außerdem ist es inzwischen realistisch, dass auch ältere Frauen Kinder bekommen. Die tatsächliche Zahl dürfte zwischen 25 und 30 % liegen; zu sorgfältigeren Erhebungen müsste das Statistikgesetz geändert werden (vgl. Björn Schwentker (2005): „Von wegen 40 %“. In: DIE ZEIT 41/2005, ders. (2004): „Schuld ist natürlich das Volk“. In: FAZ vom 31.10.2004).

Diese Zahlen-Argumentation geht oft einher mit dem Versuch, schlechtes Gewissen zu erzeugen, d. h. die Wissenschaftlerinnen, die sich wohlbedacht (noch) nicht für Kinder entschieden haben, als egoistisch zu denunzieren. Wenn Akademikerinnen sich aber nicht für Kinder entscheiden, ist das keine Krise der Frauen, sondern meist eine Krise der Versorgung mit Einrichtungen der Kinderbetreuung.

Im Bereich der Wissenschaften kann eine solche Argumentationsweise eine Weiterführung/Verlängerung des Diskurses um die Gebärfähigkeit der Akademikerin bedeuten, den es im vergleichbaren europäischen Ausland so nicht gibt und der nach Beate Krais auch zur symbolischen Gewalt gehört, mit der Frauen eliminiert werden bzw. sich selbst eliminieren.

In diesen Kontext müssen die Forderungen nach Teilzeitprofessuren bzw. über-haupt nach mehr halben Stellen und nach einem Teilzeitstudium kritisch gesichtet werden: Sind es versteckte Forderungen nach (Teil-)Eliminierung von Frauen; sind sie verknüpft mit Forderungen nach gleicher Beteiligung am Familienleben; sind sie Forderungen nach mehr Ehrlichkeit gegenüber der Vereinbarkeit von Studium mit Erwerbstätigkeit und Wissenschaft mit der Unterhaltung einer lukrativen „Nebentätigkeit“? Sofern es die Möglichkeiten der Teilzeitbeschäftigung und des Teilzeitstudiums gibt, sollten sie Frauen nicht als erste Lösung des Vereinbarkeitsproblems angeboten werden. Stellen sollten nicht von vorneherein geteilt werden, es sollte nur die Möglichkeit bestehen.

Die vermeintlich oder tatsächlich hohe Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen ist kein Anlass zur Sorge um den Nachwuchs an qualifizierten Menschen. Zwar ist seit PISA bekannt, dass insbesondere in Deutschland die Höhe der sozialen Herkunftsschicht ausschlaggebend für die Höhe der erreichbaren Qualifikation ist (soziale Selektion, soziale Vererbung von kulturellem und sozialem Kapital usw.). Aber hier müssen die Forderungen die nach Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder und die nach entsprechender Kompensation von Benachteiligungen sein.

Die Vereinbarkeit von Wissenschaftlerinnenkarriere und Familie muss selbstre-dend ermöglicht werden. Es muss aber auch verhindert werden, dass dabei Frauen allein Familienarbeit leisten. Ferner ist auch eine besser gemeinte Familien-politik kein Ersatz für Gleichstellungspolitik.

Familienfreundliche Hochschule

Eine tatsächlich auf Familienunterstützung zielende Praxis an Hochschulen fördert das Audit „familiengerechte/familienbewusste Hochschule“, das von der Hertie-Stiftung getragen wird. Es „zielt auf die Entwicklung einer familienfreundlichen Hochschulkultur“ und nennt dabei folgende Ziele:

  • Eine entspanntere Ausbildungs- und Arbeitssituation für Studierende und Hochschulbeschäftigte mit familiären Aufgaben
  • Eine größere Chancengleichheit zwischen Beschäftigten oder Studierenden mit und ohne familiäre Aufgaben, d.h. insbesondere auch zwischen Frauen und Männern ...
  • Ein besseres Betriebsergebnis der Hochschulen durch effizienteren Personaleinsatz sowie die Reduzierung von Studienabbrüchen und Studiendauer Profilbildung und Attraktivitätssteigerung der deutschen Hochschulen, indem sie durch eine familiengerechtere Hochschulkultur gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Das Audit wird vergeben, wenn eine Hochschule als Ganzes sich die Ziele tatsächlich zu eigen macht und sich ihnen erkennbar nähert.

Die Hochschulen haben inzwischen in einigen Bundesländern die Möglichkeit, ihre eigenen Mittel für Maßnahmen zur Familienfreundlichkeit für alle ihre Mitgliedergruppen einzusetzen. Ob dazu eine weitere Förderung dazukommt oder nicht, wichtig ist, dass die Verantwortung für die Familienfreundlichkeit nicht auf eine Stelle z. B. die Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte abgewälzt wird, sondern bei den Entscheidungsträgern liegt.

Als Ergänzung zur Herstellung von Familienfreundlichkeit, keinesfalls als Ersatz wäre es wichtig, dass sich die Hochschulen vermehrt und konstruktiv der Dual-Career-Problematik annehmen.


Die AG stellt daher folgende Forderungen:

  • Frauenförderung darf nicht durch Familienförderung ersetzt werden!
  • Familienförderung muss die Zielgruppe real existierende Eltern und deren Kinder im Auge haben (nicht potentielle Mütter). Es muss ein sach- und rechtsgerechter Familienbegriff verwendet werden, der Alleinerziehung sowie eheähnliche und gleichgeschlechtliche Partnerschaften einbezieht.
  • Sowohl zur realistischen Einschätzung der familienbezogenen Situation von Frauen in Wissenschaft und Forschung als auch zur Abschätzung des tatsächlichen Bedarfs an Kinderbetreuungsplätzen ist eine regelmäßige und zuverlässige Datenerhebung notwendig.
  • Die Hochschulen müssen in die Lage versetzt werden, für alle Kinder jeden Alters der Eltern unter ihren Mitgliedern gute Betreuungsmöglichkeiten anzubieten, und zwar entsprechend der reellen Bedarfssituation.
  • Die durch PISA für Deutschland dokumentierte hohe Selektion der erreichbaren Qualifikation nach Schichtzugehörigkeit darf nicht zur Forderung nach mehr Kindern von Akademikerinnen herhalten; vielmehr müssen zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit bereits vorhandene Kinder aus benachteiligten Gruppen besondere Aufmerksamkeit und wo nötig Förderung erhalten.
  • Unter Berücksichtigung bestehender Lebensläufe (Patchwork-Biographien) dürfen keine Altersgrenzen bestehen. Die Hochschulen müssen ein Klima schaffen, in dem es auch keine informellen Altersgrenzen gibt.
  • Es muss Vorsorge getroffen werden, dass die Frauenbeauftragten/Gleich-stellungsbeauftragten an Hochschulen nicht unter der Hand umgewandelt werden in Famlienbeauftragte nach einem traditionellen Familienmodell, sondern dass neben der Gleichstellungsarbeit dort, wo Entscheidungen getroffen werden (Präsidien, Hochschulräte) auch Entscheidungen für eine größere Chancengleichheit zwischen Beschäftigten oder Studierenden mit und ohne familiäre Aufgaben, das heißt insbesondere auch zwischen Frauen und Männern (siehe oben: Ziele des Audit familienbewusste Hochschule) fallen.
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